Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!


Was bundesdeutsche Fußballfans regelmäßig in Ekstase versetzt, erntet bei einigen OberstufenschülerInnen meistens nur ein müdes Lächeln. Eine Kursfahrt nach Prag, Stockholm oder besser doch gleich New York scheint in Zeiten maximaler Reisefreiheit deutlich angemessener als ein Aufenthalt in der schnöden Bundeshauptstadt. Dass eine sogenannte Studienfahrt neben günstigen Bierpreisen, adäquaten Selfiemotiven und einem gewissen Glamour-Faktor auch mit bildungsrelevanten Elementen aufwarten sollte, gerät dabei häufig ein wenig in Vergessenheit. Denn unter Studienfahrt versteht mensch laut Wikipedia eine längere Exkursion im schulisch-universitären Bereich oder auch im älteren Sprachgebrauch eine Forschungsreise von WissenschaftlerInnen oder bildenden KünstlerInnen.

So machten sich vor den Herbstferien 45 (Klein-)KünstlerInnen des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums auf den Weg, um die ehemals geteilte Stadt im Osten der Republik zu erforschen. Als erstes Kunstobjekt durfte die Gestaltung der Unterkunft reflektiert werden. Die hellhörige Leichtbauweise des Gebäudes spielte dabei wunderbar auf die omnipräsente Gefahr des Abgehörtwerdens zu DDR-Zeiten an. Engegefühle und Schlafmangel konnten als minimalistische Replik auf die subtilen Foltermethoden der besichtigten Gedenkstätte Hohenschönhausen gewertet werden.

Der hoch angepriesene Individualismus der bürgerlichen Gesellschaft ist im uniformen Kleidungsstil nur zu erahnen

Dass ein Leben in einem einfach ausgestalteten Hostel für den Großteil der Menschheit einen Zugewinn an Lebensstandard bedeuten würde, konnte im Zuge einer alternativen Stadtführung durch einen Obdachlosen erahnt werden.

Eine weitere politische Dimension von Kunst wurde durch den Besuch des Stelenfeldes und dem Ort der Informationen zum Gegenstand. Jonglieren, Yoga, Selfies – die Stelen des Holocaust-Denkmals in Berlin stimmen offensichtlich nicht jeden nachdenklich. Der Künstler Shahak Shapira wiederum greift respektlose Mahnmal-Besucher mit seiner Ausstellung „Yolocaust“ auf und an. Die Bedeutsamkeit des Holocaust-Mahnmals wurde auch daran deutlich, dass der Vorsitzende der AfD Thüringen – und übrigens auch Studienrat für Sport und Geschichte – Björn Höcke, Anfang des Jahres in einer weithin als nationalsozialistisch bewertete Rede, diesen Ort als ein „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte.

Platz der Republik 1

Nur einen Katzensprung weiter thront mit dem Bundestag das zentrale politische Organ der parlamentarischen Demokratie über der Stadt. Ob allein die gläserne Gestaltung der Kuppel einem angemessenen Maß an Transparenz genüge trägt, konnte hier u.a. diskutiert werden; leider nicht mit dem Osnabrücker Bundestagsabgeordneten Dr. Mathias Middelberg von der CDU, der sich kurzfristig entschuldigen ließ. Dies auf das schlechte Abschneiden seiner Partei bei der Juniorwahl am GSG zurückzuführen, wäre jedoch reine Spekulation.

Diskutiert werden konnte dafür spontan mit Hubertus Pellengahr, dem Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, der sich im Zuge einer lobbykritischen Führung durch das Regierungsviertel ungefragt in das Gespräch einschaltete. Die Themen Kapitalismus, Armut und Rechtsruck konnten in der Kürze der Zeit leider nicht erschöpfend behandelt werden, doch kontrovers und damit bildungsrelevant war dieses Streitgespräch allemal.

An der Eastside-Gallery wurde die tranige Gemengelage aus Kunst und Politik deutlich. Anhand kategorialer Bezüge mussten Legitimität und Effizienz eines Für und Wider von kulturell bedeutsamen Mauerabschnitt oder dessen Weichen für prunkvolle Bauhausarchitektonik unter Berücksichtigung von zunehmender Gentrifizierung  abgewogen werden. Dabei traten die eigentlichen Kunsterzeugnisse der Gallery ein wenig in den Hintergrund. Deren Interpretation wäre jedoch ein Leichtes gewesen, denn als das am schwierigsten auszulegende Kunstwerk stellte sich für viele der Berliner Nahverkehrsfahrplan heraus.